Montag, 10. Dezember 2012

Immobilien-Ausverkauf und Etikettenschwindel

Berlin - Steckborn.
Eine sich wiederholende Geschichte


(Graffiti in Steckborn 2012)

Die letzten öffentlich zugängigen Freiflächen in Steckborn am See werden rar. Trotzdem lässt es die Stadt zu, dass diese mit der immer gleichen Mischung aus Gastronomie, Shopping und Luxusappartements radikal ausverkauft werden - unter dem Etikett Kultur, versteht sich. Wenn Kultur draufsteht, steckt Gewinn drin. So knapp lässt sich die Glücksformel der Immobiliengesellschaft Stiftung Turmhof zusammenfassen, nach der sie Bauprojekte im Turmhof lanciert.

Multikulti-Bistro-Party-Wohnraum ist hip geworden.

Wenn Künstler sanierungsbedürftige Altbauten zwischennutzen und Viertel aufwerten, strömen bald die Investoren nach. Zu beobachten ist dies in Deutschland an vielen Orten schon seit Jahren, wie zum Beispiel in Berlin-Neukölln, das sein Schmuddel-Image ablegt und zum Szene-Viertel wird. Die dortige ehemalige Jüdische Mädchenschule in der Auguststraße, eines der wenigen architektonisch herausragenden Gebäude der Neuen Sachlichkeit in Berlin Mitte, feierte 2006 ihre Wiederentdeckung, als der Künstler Maurizio Cattelan sie für die Berlin Biennale öffnete. Jüngst wurde das Gebäude gleich hinter der Synagoge in der Oranienburger Straße saniert, allerdings nicht als Ausstellungshaus, sondern damit dort Galerien und Restaurants einziehen können. Es eröffnet Anfang Februar als Haus "für neue Kunst und Esskultur". Kann man da etwas dagegen haben?



(Jüdische Mädchenschule)



Man kann: Denn anders als es die Ankündigung vielleicht vermuten lässt, ist mit der Neueröffnung eben kein Ort für die Stadt gewonnen - sondern endgültig aufgegeben. Eventräume sind kein öffentlicher Raum, nicht einmal dann, wenn sie keinen Eintritt verlangen. In Restaurants muss man konsumieren, die Speisekarte ersetzt hier den Türsteher.


Eigentumswohnungen im angepriesenen "Ausgehviertel"

Die letzten öffentlich zugängigen Freiflächen am See werden rar in Steckborn. Trotzdem lässt es die Stadt zu, dass diese mit der immer gleichen Mischung aus Gastronomie, Shopping und Luxusappartements restlos aufgefüllt werden - unter dem Etikett Kultur, versteht sich.

Die Formel, die in den Neunzigern ganze Straßenzüge zum Leben erweckte, weil Künstler sanierungsbedürftige Altbauten zwischennutzen durften, fungiert heute als Türöffner.

Ein weiteres Beispiel in Berlin: gleich neben der Museumsinsel entsteht gerade auf einem 31 000 Quadratmeter großen Areal das "Forum Museumsinsel". Der Unternehmer Ernst Freiberger will hier aus acht denkmalgeschützten Gebäuden für 300 Millionen Euro ein "Forum für die Zukunft" schaffen. Der englische Architekt David Chipperfield hilft ihm dabei - und die Kultur: "Nach dem Entwurf eines international bedeutenden Architekten wird (...) ein spektakuläres Gebäude entstehen, das unter anderem der Kunst gewidmet ist", heißt es im Exposé. Wer weiterliest, wird feststellen, dass es sich dabei wohl um eine Automobil-Ausstellung handelt.



(Forum Museumsinsel)

So vage das Kulturprogramm, so detailliert ist das Kulinarische beschrieben: Vor allem soll es eine Markthalle geben, an deren Stände "von morgens früh bis in den Abend hinein die köstlichsten Lebensmittel (...) vor den Augen der Kunden frisch hergestellt und zubereitet" werden. Schlaraffenland in Berlin-Mitte?

Eine Stadt, die mit ihrer kreativen Szene, der Kunst und den Clubs hausieren geht, gleichzeitig aber Institutionen wie das Haus am Waldsee, eins der ersten Ausstellungshäuser für zeitgenössische Kunst in Deutschland, fast pleite gehen lässt, muss den eigenen Ausverkauf endlich beenden. Nicht mehr lang, und man kann Berlin Etikettenschwindel vorwerfen.

Die Parallelen in Berlin müssen die Steckborner aufschrecken lassen. TKB Bankboss, Immobilienmischler, Kulturpapst, Spinne im Netz des kantonalen Wirtschaftsfilz und Strippenzieher in Personalunion Robert Fürer, Anwalt aus Frauenfeld, hat es auf den Turmhof abgesehen. Mit rattenfängerischen Flötentönen säuselt er, neu sekundiert durch Klüngelkumpel Sven Bradke, Kultur-, Wohnraum-, Bistro- und die übrigen Multikultifantastereien den Steckbornern ins Ohr. Es ist an der Zeit, dass die Steckborner ihre Augen öffnen und den Schwindel erkennen.

1 Kommentar:

  1. Weiss man schon, wer das auf dem Graffity ist ?

    Kommt mir irgendwie bekannt vor !

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